Eine Weihnachtsgeschichte

Der ungeborene Alte (oder meine Weihnachtsgeschichte im Offenburger Tageblatt vom 11.12.14)

Aus einem Kosakenhut


23. Dezember 09
Die Bar war düster, der Nebel des Zigarettenqualms musste die saubere Luft schon Tage zuvor erobert haben. Die Schwaden waren greifbar. Mein Kopf steckte irgendwo zwischen dem Tresen und dem alten Christbaum in der hinteren Ecke, an dem die Kunstkerzen das ganze Jahr über ein schummriges Licht produzierten. Der Klang meines Namens riss mich aus meiner döseligen Stimmung. Bedeutung kam mir selten zu. Kaum hatte ich mich umgedreht, erkannte ich mein Irren. Ich hatte mich getäuscht, keiner hatte gerufen.
23. Dezember 10
Die Bar zum 23. Dezember ist ein unwirklicher Ort. Als Schüler kamen wir her, wegen des billigen Alkohols, als Studenten wegen der modrig-morbiden Stimmung und als Erwachsener komme ich aus Gewohnheit. Sooft ich hier war, bin ich nie lieber hier, als am 23. Dezember. Am 23. finden sich hier Menschen ein, die gerne alleine sind. Inmitten des Qualms scheint die Privatsphäre garantiert. Er kaschierte die Unreinheiten von Haut und Seele, die grässliche Musik unterbindet jeden Wortwechsel. Das einzig Klare ist die Glocke, die verheißungsvoll klingt, wenn eine Runde ausgegeben wird. Die Freude über das flüssige Geschenk kommt aus der Tiefe der Seele, und das Glück über den kurzen Schluck, jagt mir einen Schauer über den Rücken.
23. Dezember 11
Dieses Jahr ist der „Laden“ zu. Jetzt weiß ich, was ich schmerzlich vermisse: den dicken Schwaden Rauch, der mir jetzt in die Lunge sinken sollte. So scheint mir die Welt zu sauber. Es fehlt der Tag Tristesse, die gewählte Schmutzigkeit. Mir fehlt die Lösung, eine Pause, ein Versteck vor der Wirklichkeit. Heute, an dem besagten Abend, an dem alle genug haben von Familie und Welt, ist mir diese Zuflucht verschlossen. Mir fehlt der Moment, der das Jahr perfekt macht. Ich fühle mich wie der Christbaum im Eck, ich unterscheide nicht mehr zwischen Alltag und Fest.
23.12.12
Meine Erkenntnis: Ich feiere Jahr um Jahr Vergangenes.
Was der 24. einmal für mich war: ein Fest der Hoffnung und Freude. Es war ein Fest, bei dem ich wusste, dass ich meine Familie feiere.
Was der 24. inzwischen für mich ist: eine Summe alter Erinnerungen.
Nur am 23. war ich mit mir im Reinen. Doch auch das ist vorbei. Die Zeiten in der Bar sind ebenso vergangen, wie Weihnachten mit meinen toten Eltern. Und was ist Morgen? Meine Familie? Was werden sie feiern, wenn ich nach 10 Jahren zurückkomme: Weihnachten?
23.12.13
Letztes Jahr war meine Familie alleine am 24., ich habe ihnen beim Feiern zugesehen.
In der Zeitung stand: 7 Milliarden Menschen seien dieses Jahr auf der Erde. So viele Feste? Bin ich da der Einzige, der nicht weiß, was er feiern soll? Warte ich alleine auf diesen Moment der Klarheit im Suff des Alltags?
Die Uhr schlägt Mitternacht und auch in diesem Jahr hat keiner die Tür der Bar geöffnet. Ich werde alle Zettel wieder in meinen Hut stecken, einen für jedes Weihnachten auf der Straße.
Nachtrag: Ich sah meinen Sohn beim Schmücken des Christbaums.
24.12.13
Dunkelheit versteckt mich, die Familie steht im Licht. Was mich erwartet, verunsichert: Erinnern erwartet mich dort. Ich werde in den Erinnerungen meiner Enkel eintreten. Was passieren kann, bei der Suche nach dem Sinn, steckt in meinem Hut. Was wird passieren, wenn ich bei meiner Familie klopfe? ...

Auszüge aus 10 Zetteln in einem Kosakenhut. Gefunden am Grab seiner Frau, die 2003 gestorben war.

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