Tiefe Augen - der Text

Pünktlich zum erste  Advent einen Text, der bisher nur als Vortrag existierte!

 

Der Countdown läuft, die Ansage des Verlags kündigt das Buch noch vor Weihnachten an!

 

An alle die ein Exemplar vorbestellt haben: "Freut euch, es wird ein Weihnachtsgeschenk!"

 

Tiefe Augen

Tief in ihren Augen lag immer diese Welt verborgen. Jeder Blick, jeder Augenblick offenbarte ihm eine Welt die er so noch nicht kannte. Von ganz tief unten starrten seine kleinen Augen sie immer wieder an, von ganz weit oben bückte sie sich zu ihm herunter und zeigte ihm eine andere Welt, mit ihren wunderbaren Augen. In ihren Augen lag eine Welt für ihn versteckt.

Wunderbar mochte es wohl am besten Beschreiben. Wenn der kleine Mann in die Augen von seiner Mutter sah, dann war da etwas, das einem Wunder glich, dann war da etwas, das Wunden verbarg. Tief in seinem Inneren dachte er, dass er all das fühlen konnte und, dass es eines Tages sein Innerstes werden würde. Verdammt traurig machte es ihn aber, als er verstand, dass das ihr Leben war.

Seine Augen dachte sich seine Mutter immer, waren so glasklar und unschuldig. Sie sahen in einen hinein, urteilten nicht und begnügten sich freudig mit allem was sie sahen. Nie hatte sie darüber nachgedacht, dass diese Augen sie später entsetzen würden. Deshalb war es ihr eine Freude sonders gleichen, seinen Blick einzufangen und mit ihm zu spielen. Immer in seiner Aufmerksamkeit zu stehen und zu wissen ihn damit glücklich zu machen, war die Erfüllung einer Mutter.

In seinen Augen war sie eine wunderbare Mutter, bis er 12 Jahre alt war. Bis dahin spielte sie mit ihm und er liebte sie dafür. Sie zeigte ihm die Welt und er zeigte ihr seine Liebe. Doch es war so um den 12. Geburtstag, als er sie zum ersten Mal weinen sah. Es offenbarte ihm, dass aus Augen auch Leid kommen konnte und dass Augen ein Leben gesehen hatten. Desto älter er wurde, desto mehr verstand er den Unterschied zwischen Jung, Erwachsen, Alt und Weise. Es war ein Ausdruck der sich in den Augen verdiente.
Bei seiner Mutter hatte er es miterlebt, wie sich ihr Blick veränderte, wie ihre Augen nicht mehr diamanten waren. Ihre Augen füllten sich mit einer müder werdenden Stimmung. Sie war nicht alt, aber ihre Augen hatten schon zuviel erlebt. Ihre Augen waren wie eine Leber die zu viel Alkohol gefiltert hatte, sie taten ihren Dienst, aber sie wirkten träge.

Ihr war es Bewusst, dass er sie gesehen hatte. Ihr war nicht bewusst, dass sie ihn zum ersten Mal weinen sah. Ihr war es aber noch immer schrecklich gegenwärtig, dass sich nach diesem Abend die Augen ihres Kleinen verändert hatten. Vielmehr schreib sie die Veränderung erst seiner Laune zu, bis sie langsam verstand, dass er etwas erlebt hatte, dass seinen Blick verändert haben musste. Deshalb konnte sie zahllose Nächte nicht schlafen.
Erst dachte sie, dass es etwas Schreckliches gewesen sein musste, und sogleich schossen ihr die Erinnerungen in den Kopf.

Sie dachte daran wie ihr Vater an Weihnachten in dem Zug über die Brücke fuhr und die Brücke einstürzte. Sie sah wie ihre Mutter wieder zurück in die alte fremde Heimat geschickt wurde und sie sah, wie sie alleine dagestanden hatte. Sie sah wie sie sich immer wieder nach oben gekämpft hatte und sie sah wie sie immer wieder sobald sie die Treppe erklommen hatte eine Rutsche vor sich sah, die sie wieder in das große Becken gefüllt mit waghalsigen, mittelmäßigen Nichtschwimmern zurückbeförderte.
Sie sah keinen Film an sich vorüberzeihen, sie sah auch keine einzelnen Bilder, sie sah nur auf einmal ganz genau wie jedes Mal ihre Seele getroffen wurde und sie merkte wie sich jedes Mal ihr Blick auf die Dinge verändert hatte.

Ihr fiel es unglaublich schwer sich daran zu erinnern, was ihrem Blick Hoffnung gegeben hatte, sie wusste nur, was ihm immer noch Hoffnung gab. Ein Blick zu ihrem Hochzeitsring genügte und ein glückliches Gefühl durchströmte den ganzen Körper, aber irgendwo, ganz versteckt, wusste sie, dass mit diesem Gewinn auch irgendwann ein Verlust einhergehen musste. Das einzige was sie bedingungslos mit Glück erfüllte war darum ihr Sohn.

Und er sah in ihrem Blick diesen Schatten. Er sah in ihrem Blick die Strafe, die sie sich nicht ausgesucht hatte. Er sah sie und er wollte und er konnte nichts dagegen tun. Er hatte erst viele Jahre später erkannt, was den Blick seiner Mutter hatte alt werden lassen. Er glaubte es war die Tatsache, dass sie sah, dass ihr Sohn erwachsen wurde, vielmehr aber glaubte er ,es war die Tatsache, dass sie verstanden hatte, dass sein Vater irgendwann sterben würde.

Sein Vater wurde nicht alt, sein Vater wurde weise. Er dachte sich, dass es wohl daran liegt, dass Männer zuerst sterben und nicht darüber nachdenken müssen wie es ist alleine zu leben, ohne den Partner. Sie sterben einfach. Diese Sicherheit glaubte er war es, die seinen Vater über den Dingen stehen ließ. Diese Sicherheit und die Ruhe die dieser Gedanke einschloss waren die Grundlage. Was ihn wirklich weise machte, war aber die Sicherheit etwas geschafft zu haben in seinem Leben. Es war dieses Gefühl sich einen Traum von früher erfüllt zu haben, einen gewissen Gemütszustand von Zufriedenheit erreicht zu haben. Erst aus diesem Zustand heraus, aus seiner Erfahrung aus der Vergangenheit, war er in der Lage Handlungen generalisieren zu können. Erst dieses gigantische Schubladendenken vermittelte eine Ruhe und Gesetztheit, die seiner Frau den Rücken stärkte.

Seine Mutter brauchte diesen Rückhalt dringend, denn sie musste erst in die Augen ihrer beider Töchter sehen, als sie sie von Lampedusa zurückbrachten. Die eine hatte keine Leben mehr in ihren Augen, die andere kein Blut. Nur der Junge hatte es auf die andere Seite geschafft. In seinen Augen war dennoch nichts mehr von dem was sie so vermisst hatte. Seine Augen waren kalt und stählern, seine Augen erzählten die Geschichte von frischem Leid und verlorenen Freunden. Seine Augen trieften vor Schmerz, doch durch sein Herz floss so viel Liebe. Seine Augen schienen zu sagen: „Mein Herz trieft vor Liebe, reiß es heraus und du wirst es sehen!“ Doch sie sah die Liebe nicht mehr, er hatte sie auf dem Heimweg verloren. Und dieser Blick der Hoffnungslosigkeit, erschütterte sie dermaßen, dass sie vor ihm die Augen verschloss und in die Arme ihres Mannes flüchtete.

 

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Fei(s)ste Worte

Feisste Worte war mein erstes Buch. Dazu entstand der Blog, mehr Recht als Schlecht gepflegt. Ein Ort der Krakelei. Der Erfüllung. Ein Ort vieler Punkte. Mit Kommas habe ich es nicht so.

 

 

In dem Sinne. Arbeiten Sie weniger und lesen Sie mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lesen sie glücklich macht ist deutlich höher.

 

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